Die Schweizer haben die Wahl: Sollen auch Frauen zum Wohle der Allgemeinheit den Pflichtdienst leisten? Nach erbitterten Debatten entscheiden die Helvetia-Wähler am Sonntag: Wenn sie mit Ja stimmen, wird das neutrale Land eines der wenigen Länder der Welt sein, in dem die Bürger eine Wehrpflicht haben. Kürzlich hat Dänemark die Wehrpflicht für Frauen eingeführt, die ab 2026 umgesetzt wird. In den skandinavischen Staaten Norwegen und Schweden sind Frauen ebenfalls verpflichtet, als Waffen zu dienen.
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In der Schweiz müssen Männer und Frauen entweder zum Militär gehen oder Zivildienst leisten. Während Anhänger der Volksinitiative „Für eine engagierte Schweiz“ auf den Slogan „Jeder leistet seinen Beitrag“ setzen, lehnen Regierung und Parlament diese Initiative ab. Der Bundesrat, so die Regierung, „wird zu hohen Kosten für Bund und Kantone und auch zu einer erheblichen Belastung der Wirtschaft führen.“
Hinter der Volksinitiative stehen Persönlichkeiten der bürgerlichen und linken Parteien: Sie sammelten die nötigen Unterschriften und erzwangen so die Abstimmung. Als prominenteste Unterstützerin kann die Initiative auf die scheidende Nationalratspräsidentin Maja Rinikar von der liberalen FDP zählen. Wenn sie sich an der Wahlurne durchsetzen, erhält der Dienst aller Menschen Verfassungsrang.
Eine große Armee
Traditionell unterhält die Schweiz eine relativ große Armee mit etwa neun Millionen Einwohnern: Die Zielstärke liegt bei 100.000 Soldaten. Junge Männer müssen entweder in die Armee eintreten oder einen freiwilligen Zivildienst absolvieren. Auf der anderen Seite müssen Mädchen dies noch tun. Aber Sie können sich freiwillig melden, auch beim Militär.
Die Initiative hatte ihr Konzept bereits vor dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Jahr 2022 entwickelt. Die Aggressivität Moskaus bestätigt nun die Einschätzung der Initiatoren: Mit dem Krieg in Europa habe sich „die Risikolage auch für die Schweiz verändert und erhöht“. Deshalb bringen sie ein zentrales Argument vor: Ein Service für alle erhöht die Sicherheit von Helvetia. Die neuen Bestimmungen stellen sicher, dass „Heer und Zivilschutz stark bleiben und durch Kräfte in neuen Gebieten ergänzt werden“. Dafür sollen „100 Prozent des Potenzials der Schweiz gesammelt werden“. „Im Gottesdienst arbeiten junge Menschen zusammen und lernen, was Gemeinschaft bedeutet“, verspricht Mark Jost, Nationalrat der Evangelischen Volkspartei. „Das stärkt unsere Widerstandskraft.“
Darüber hinaus können Jungen während ihres Dienstes Erfahrungen „für Leben und Beruf“ sammeln. Schließlich betonen Befürworter wie Nationalrätin Katja Christ von den Grünliberalen die Gleichberechtigung von Mann und Frau: Der obligatorische Eintritt von Frauen in die Kaserne und in den Zivildienst bedeute, dass „jeder einen Beitrag zur Gesellschaft leistet und nicht nur Männer dafür Anerkennung und Entschädigung bekommen“.
Ungerecht oder nicht?
Aber auch Gegensätze beruhen auf Gleichheit. Sie sehen diese Errungenschaft des weiblichen Teils der Schweizer Bevölkerung durch den Dienst an allen in Gefahr. Die sozialdemokratische Nationalrätin Tamara Funiciello beteuert, dass Frauen mehr unbezahlte Arbeit leisten als Männer, etwa im Haushalt oder bei der Kindererziehung. „Das ist kein Job, den jemand anderes übernehmen kann“, sagte sie dem Schweizer Sender SRF. Würden auch Frauen Wehrdienst leisten, wäre das „unangemessen und würde die bestehende Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verstärken“.
Auch Verteidigungsminister Martin Fister (Die Mitt-Partei) lehnt den Militär- oder Zivildienst für Männer und Frauen ab. Der Minister sieht hierfür keine Notwendigkeit, da eine Verdoppelung der Armeestärke auf 200.000 Mann nicht zur Debatte stehe: „Die Armee bleibt gleich groß und wir haben bereits begrenzte Ressourcen, um die Truppen auszurüsten.“
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