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Kirche und Politik: Was ist wirklich christlich-sozial?

    Kirche und Politik: Was ist wirklich christlich-sozial?

    Das Bekenntnis zu Werten in der Politik hat in der jüngeren Vergangenheit nicht gerade Fahrt aufgenommen. In den Schubladen der Parteizentralen liegen immer noch schöne Grundprogramme. Und praktisches Handeln offenbart manchmal ideologische Grundlagen. Aber gleichzeitig herrscht ein gewisses Primat der Willkür: Man recherchiert Meinungen und hängt seine Flagge in den Wind des Zufalls. Angesichts der schrumpfenden Mehrheit in einer pluralistischen Gesellschaft spielt auch die Kunst des Möglichen eine Rolle.

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    Es lohnt sich also, den Politikern zuzuhören, wenn sie über Grundwerte und nicht über Umfragewerte denken und sprechen. Wovon lassen sie sich leiten? Und noch grundsätzlicher gefragt: Was glauben sie? Das Grazer Karl-Kummer-Institut, eine ÖVP-Plattform zum Nachdenken über Sozialreformen, veröffentlicht in seiner kürzlich erschienenen Anthologie bemerkenswerte Antworten von Wolfgang Schüssel bis Andreas Babler.

    Wolfgang Schüssel, Joseph Riegler und Hermann Schützenhofer

    „Was ist christlich-sozial?“ Die Frage wurde gestellt. Ex-Kanzler Schüssel geht nicht weiter auf dieses Thema ein: Das Christentum sei für ihn „radikaler Gegner von Diktatur, Partei- oder Klassenherrschaft“ und in dieser Hinsicht tatsächlich mit der Demokratie verbunden. Nicht nur Europa als Ganzes ist stark vom Christentum geprägt, auch viele gesellschaftspolitische Ideen haben ihren Ursprung im christlichen Gedanken der Fürsorge für den Nächsten. Schüssel erwähnt Krankenhäuser, Pflegeheime und Armenspeisung, aber auch die Rolle von Klöstern als Bildungseinrichtungen.

    „Alle Menschen sind grundsätzlich religiös – in ihrer Einstellung zum Mysterium des Lebens“, schreibt Schüssel. Er zieht eine Linie von Hagel zur UN-Generalversammlung, die 2001 in einem Dokument feststellte, dass „Globalisierung eine globale Politik erfordert“.

    Für Schüssels Vorgänger als ÖVP-Chef Josef Riegler hat christlich-soziales Handeln eine geopolitische, wirtschaftliche und ökologische Komponente. Gerade im Hinblick auf die Klimakatastrophe und den drohenden Rückfall in den Autoritarismus gibt es hier passende und zeitgemäße Antworten auf die „Zukunfts- und Friedensstrategie“.

    Der altsteirische Landeshauptmann Hermann Schützenhofer (ÖVP) verweist auf die katholische Soziallehre und freut sich über Papst Leo XIV., der seinen Vorgänger eindeutig Leo XIII. nannte. und seine kreative Sozialenzyklopädie „Rerum Novrum“. Im Gespräch mit Christian Leger (Vorstandsmitglied des Kummer-Instituts) äußerte sich auch der ehemalige LH dazu: „Es fällt mir heute schwer, zu erkennen, dass die ÖVP nach christlich-sozialen Normen handelt. Wir dürfen nicht von den Sozialdemokraten auf der linken Seite und den Freiheitlichen auf der rechten Seite überholt werden.“

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    Der gebürtige Niederösterreicher ist davon überzeugt, dass man mit einem klaren christlich-sozialen Profil auch heute noch Wahlen gewinnen kann. Politik soll nicht locken, sondern überzeugen. Sein Rat lautet: „Machen Sie das Richtige populär. Und wenn es nicht funktioniert, müssen Sie trotzdem das Richtige tun – auch wenn es Sie Stimmen kostet.“

    Andreas Babler und Max Lercher

    Die befragten SPÖ-Politiker nähern sich diesem für sie unbekannten Feld auf unterschiedliche Weise. Vizekanzler Baber bleibt fern; Er betont immer wieder, dass er „kein Gläubiger“ sei. Auch Österreich habe „bittere Erfahrungen“ mit dem politischen Katholizismus gemacht. Dennoch erkennt Babler eine Reihe gemeinsamer Grundüberzeugungen zwischen Sozialdemokraten und christlichen Sozialisten an: Menschenwürde, Gerechtigkeit, Verantwortung füreinander.

    Es eint uns auch im Kampf gegen den Klimawandel und dem Ziel, ältere und kranke Menschen nicht zurückzulassen. Auch die christliche Friedensbewegung habe „ihm, Babler, geholfen, meinen politischen Kompass zu finden“. Andererseits wird das Christentum in globaler Perspektive zunehmend für politische Zwecke instrumentalisiert. Bablers Theorie lautet: „Religiosität wird zum Problem, wenn sie als Rechtfertigung für staatliches Handeln herangezogen wird.“

    Der Chef der steirischen SPÖ, Max Lercher, will die Bindung seiner Partei an die Christlich-Soziale Weltanschauung etwas enger – und menschenfreundlicher gestalten. Der moralische Impuls der christlichen Soziallehre ist auch eine solide Grundlage für sozialdemokratische Politik. Denn im Mittelpunkt steht die Menschenwürde – ihr „Personsein“.

    Politische Ziele lassen sich laut Lercher aus den Grundwerten Verantwortung, Respekt und Fürsorge ableiten: gerechter Lohn, faire Arbeit, bezahlbarer Wohnraum, soziale Sicherheit. Der Steirer schreibt, dass das gemeinsame Herz die Einheit sei: „Einerseits die Lasten tragen – dieser Satz aus dem Galaterbrief würde im Programm einer sozialdemokratischen Partei nicht fehl am Platz sein.“

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    Lerchers Denken deckt sich teilweise mit dem christlich-sozialen Kompass. Über Unterstützung und Hilfe zur Selbsthilfe schreibt er: „Wir stehen für einen starken öffentlichen Sektor, aber immer mit dem Ziel der Ermächtigung, nicht der Entmachtung.“ Der Sozialstaat solle es den Menschen ermöglichen, „ihre Lebenswirklichkeit selbstbestimmt zu gestalten und sie nicht abhängig zu machen“. Und weiter: „Die christliche Soziallehre erinnert uns daran, dass Politik ein Dienst am Volk ist.“ Freiheit ohne Rechenschaftspflicht kann zu Arroganz werden, Gerechtigkeit ohne Mitgefühl kann zu Bürokratie werden.

    Wenn es nach dem ehemaligen Bundesratspräsidenten Hervig Hössel (ÖVP) geht, sind solche lagerübergreifenden Kontakte mit Vorsicht zu genießen. Er findet es ärgerlich, dass Kritiker der ÖVP oft Vorwürfe machen, weil sie sich an ihren ehemaligen „wahren christlich-sozialen Politikern“ ein Beispiel nimmt. VP-Politiker „dürfen die Macht, zu definieren, was christlich-sozial ist, nicht an ihre Rivalen und Kritiker abtreten“, warnt Hossele. In einem bestimmten Kontext mag das wahr sein. Dennoch weicht die vom Kumar-Institut kuratierte Übung von einigen engen Bereichen der aktuellen politischen Debatte ab.

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