„Dr. Duschum.“ Vielleicht können es andere besser – also schwäbischer – sagen als Cem Özdemir. Aber die Republik außerhalb von Bad Urach weiß von ihm sicherlich, wie es sich anfühlt, wenn sich ein türkischer Vorname mit einem einheimischen deutschen Dialekt vermischt. Nicht die beliebteste Route zwischen Nordsee und Alpen. Aber es passt zu dem Mann, der es je nach Bedarf und Anlass ein- und ausschalten kann.
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Das ist nicht das Einzige, was Sam Özdemir, 60, von Markus Söder, 59, unterscheidet. Erstens kann er keinen Satz sprechen, ohne sein Fränkisch zu brechen. Zweitens ist Söder längst das, was Özdemir sein möchte: ein Ministerpräsident eines Bundeslandes, von dem Neider sagen, er sei zumindest ein wenig arrogant und selbstsüchtig.
Özdemir hält durch
Dr. Dischum will von nun an Baden-Württemberg regieren und damit die Nachfolge seines Parteifreundes und bisher einzigen Grünen-Abgeordneten Winfried Kreutsmann antreten. Die CDU, die seit zwei Legislaturperioden koaliert, will nach 15 Jahren endlich ihren Stand zurückgewinnen; Die gemeinsame Zutat ist eher als Scherz gemeint. Die Kanzlerpartei meint es sehr ernst. Sie ist mit Manuel Hagel, 37, verheiratet; Wenn das gelingt, wird er Deutschlands jüngstes Staatsoberhaupt. Nach dem Stand der Umfragen ist Özdemir gerade dabei, aufzuholen.
Nur wenige Menschen in Deutschland wissen vom armen Urach im schwäbischen Albu – wo der kleine Sam geboren wurde und als einziges Kind von Abdullah und Nihal Özdemir aufwuchs, in einer Fabrik arbeitete und sich als Schneider selbstständig machte. Aber er war ein Bundesminister im erwachsenen Cem, der unbeliebten Ampel. Für die Landwirtschaft – ein Gelände, das ihm nicht gehörte. Der Einstieg gelang ihm jedoch, denn er hatte schon vieles gemacht: Realschule, Ausbildung zum Lehrer, Fachhochschulreife, Sozialpädagogikstudium, Diplom. Und natürlich Politik. Mit 15 Jahren trat Sam Özdemir den Grünen bei, mit 29 saß er im Bundestag. Als erster Mann mit türkischen Wurzeln. Im Alter von 42 Jahren war er Co-Parteivorsitzender.
Özdemir sagt das oft. Er erzählt wirklich gerne Geschichten aus seinem Leben. Jetzt vor allem im Wahlkampf, auf sozialen Märkten und in Interviews. Besonders großzügig zeigt er sich gegenüber der linksliberalen Wochenzeitung „Zeit“. Natürlich mit „taz“, grünen Körper- und Bauchblättern.
„Rücksichtslose grün-zentristische Politik“
Letzterer warf ihm lediglich vor, für eine „rücksichtslose grüne Politik der Mitte“ zu stehen. Und er antwortete: „Die Bedingungen, unter denen noch immer viele Kinder aufwachsen müssen, sind absolut grausam. Als Kind einer migrantischen Arbeiterfamilie weiß ich, was es bedeutet, 1,60 Mark für das Mittagessen zu bekommen.“ Im Oktober titelte er in der „Zeit“: „Die Prognose war, dass ich nie wirklich Deutsch lernen würde.“ Aber am Ende wird zumindest immer alles gut.
Wer so viele Geschichten erzählt, hindert natürlich in erster Linie andere daran. Übrigens lässt Özdemir seinen härtesten Konkurrenten blass werden. Manuel Hagel, gelernter Bankkaufmann, gelernter Bankbetriebswirt, Landespartei- und Fraktionsvorsitzender, Traumtyp der Schwiegermutter, null Glamourfaktor. Für die AfD kandidiert Markus Frohnmeier, ehemaliger Jurastudent ohne Abschluss und Bundestagsabgeordneter mit offenkundig guten Beziehungen zur MAGA-Bewegung in Moskau und den USA. Entweder will Frohnmeier in die Staatskanzlei – oder er bleibt in Berlin. Es scheint das Letztere zu sein.
Andererseits hat sich Özdemir auf die eine oder andere Weise für Stuttgart entschieden. Er wird 2025 nicht mehr für den Bundestag kandidieren und hat noch kein Landtagsmandat: Wahlkampf kann er machen, wie er will. Manche in Berlin glauben, dass er das auch tut.
Drei Wochen vor der Wahl, am Valentinstag, heiratete Özdemir zum zweiten Mal Flavia Xhaka, eine kanadische Anwältin; Wow! Und wow! Die Effekte waren bepreist. Vermählt wurden die beiden vom Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, einem überparteilichen, geschiedenen Ex-Grünen-Mann mit großem Hetzepotenzial. In Berlin gilt er für viele als politischer Gott. Özdemir führt den Wahlkampf mit Palmer – und hat nicht die Absicht, ihn vom Posten des Ministers abzusetzen. Einiges von dem, was Palmer sagt, wird sofort in die CDU übernommen, und zwar nicht nur dort, wo es in der Mitte steht.
Doppelt so stark
In Berlin, wo die Grünen nach der Ampel immer noch nicht wissen, wo sie hin sollen und wie sie wieder zurückkommen, wollen sie sich dazu nur hinter verschlossenen Türen äußern. Hier beharrt er auf Klimaschutz, Bavu Özdemir wirbt mit „Wir können fahren!“ Und es bedeutet auch Verbrennungsmotor. Im Bund liegen die Grünen stabil bei maximal elf Prozent, im Land hat Özdemir das Doppelte, Tendenz steigend. In den jüngsten Umfragen liegt er einen Prozentpunkt hinter Hagel – sicher ist also, dass weiterhin Grün-Schwarze regieren werden, nicht aber, wer die Koalition anführen wird.
Vielleicht entscheidet am Ende Dschämm.
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