Die Lehrergewerkschaft AHS bezeichnet den „Angriff auf Gymnasien“ als mangelhaft an „vernünftiger Substanz“, sagte der schwarze Bildungssprecher Nico Marchetti, der in seinem Hauptberuf als Generalsekretär der Kanzlerpartei auch die Angriffsabteilung leitet. Und dann ist da noch der Olymp der lokalen akademischen Elite mit den drei Nobelpreisträgern Alfred Jelinek, Peter Handke (beide Literatur) und Anton Zeilinger (Physik) an der Spitze des akademischen Kampfes mit unzähligen anderen Intellektuellen.
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Eine solche Vereinigung der Gegensätze muss man erst herbeiführen. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) ist von Natur aus ambivalent, doch mit seinem Vorschlag für eine allgemeine Reform des Lehrplans gelingt ihm in kürzester Zeit Erfolg. Im Grunde genügte die Ankündigung, Latein an weiterführenden Schulen zu kürzen, um im Klassenzimmer Platz für neue Fächerkombinationen zu schaffen. Sie will das bestehende Informatikfach um Künstliche Intelligenz erweitern und weitere Stunden hinzufügen sowie „Medien und Demokratie“ als Unterrichtsfach einführen. Statt zwölf Stunden Latein sollen es in den vier Schuljahren nur noch acht Stunden sein. Auch in weiterführenden Schulen, wo die Schüler zwischen Latein und einer anderen lebenden Fremdsprache wählen können, wird der Unterricht gekürzt, wenn auch in geringerem Umfang.
Österreich hat ein Bildungsproblem
Die Intensität dieser Debatte über eine Detailfrage kann überraschend sein, zumal es sich um ein viel grundlegenderes Problem mit den österreichischen Schulen und dem Bildungssystem insgesamt handelt. 29 Prozent der Erwachsenen im Alter von 16 bis 65 Jahren oder 1,7 Millionen Menschen können nicht einmal einfache Texte sinnvoll lesen. Zu diesem verblüffenden Ergebnis kam eine Studie der Statistik Austria zur Lesekompetenz aus dem Jahr 2025. Dieser Anteil hat sich seit 2012 verdoppelt. Obwohl die Lesekompetenz bei Jugendlichen zunimmt, können derzeit rund 15 Prozent der Grundschulkinder aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse dem Unterricht nicht folgen – in der Steiermark ist es sogar jeder fünfte Erstklässler.
Dass dieses Problem das Land betrifft, ist in der Koalition nicht zu leugnen. Hier kann der 35-jährige Wiederkehr das Tempo weiter erhöhen, als es seine Vorgänger im Amt taten oder wollten. Für Jugendliche mit mangelnden Deutschkenntnissen wird es künftig eine Pflicht zur Teilnahme an der Sommerschule geben und Schulen erhalten zudem mehr Flexibilität bei der Organisation der Deutschförderung. Das Ministerium hat auch mehr Personal. Aber ansonsten ist es eine Bestätigung dafür, dass das Thema Bildung wenig von seiner ideologischen Polarität verloren hat.
Doch bei der Lehrplanreform, Teil des von Wiederkehr angekündigten „Plan Z“ – dem letzten Buchstaben des Alphabets für die Zukunft – stößt die rosafarbene Bildungsministerin auf Widerstand, der über die üblichen Verdächtigen der Lehrergewerkschaften hinausgeht. Dazu gehört auch die ÖVP, die sich traditionell als Oberschulhüterin gegenüber Befürwortern einer Gesamtschulbildung für Kinder im Alter von 10 bis 14 Jahren versteht. Allerdings ist Politik immer ein größerer Rahmen, insbesondere in einer komplexen Dreiparteienkoalition.
Schwarze und rosa Verspottungen
Wenn ÖVP-Bildungssprecher Marchetti sagt, dass die Reform des AHS-Lehrplans noch nicht sicher sei und wir hier erst „am Anfang“ stünden, ähnelt das verdächtig der deutlichen Kritik von Neos an der von der Kanzlerpartei gewünschten Volksbefragung zur Ausweitung des Wehrdienstes.
Solche kleinen Nadelstiche gehören zum Alltag von Koalitionen, in denen jeder Partner darum bemüht sein muss, sein eigenes politisches Profil zu wahren und zu wahren. Gefährlich für die Stabilität der Koalitionsarchitektur wird es erst dann, wenn die Parteiführer selbst Freundschaften und rote Linien untereinander schließen. Zumindest vorerst ist das bei Schwarz-Rot-Pink ausgeschlossen. Dementsprechend will das Kabinett des Kultusministers die Kritik an den eigenen Plänen nicht überbewerten; Es ist nur ein Teil des politischen Geschäfts und die Menschen hier sind völlig entspannt. Und jeder Minister in diesem Amt muss sowieso mit einem Kopfstoß der Gewerkschaften rechnen.
Wesentliche Teile von Pinks „Zukunftsplan für das Bildungssystem des 21. Jahrhunderts“, der erst in einer Rede zum Jahresende angekündigt wurde, warten noch auf ihre Veröffentlichung, darunter weitere Details zur Lehrerausbildung und zur Lehrplanreform. Bis Ende März soll es fertig sein – und dann werde es Verhandlungen geben, so das Kabinett. Von den Kritikern gibt es also noch viel mehr zu sagen.
Eine ganz andere Frage ist, ob die diskutierten Reformpläne Kinder und Jugendliche tatsächlich auf die Herausforderungen des Lebens in einer stark von digitalen Technologien geprägten Welt vorbereiten. Oder der Philosoph Konrad Liesmann hat möglicherweise nicht Recht, der in der Kleinen Zeitung schrieb: „Die modische Überfrachtung des Lehrplans mit jeder Menge neuer „Zukunftskompetenzen“ stellt die Sackgasse der Pädagogik dar. Nicht alles, was der Zeitgeist feiert, muss in den Unterricht.“
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