Im Laufe der Jahre war Viktor Orbán mehr als jeder andere ungarische Premierminister. Für seine Gegner ist er ein korrupter Autokrat und eine Bedrohung für die europäische Einheit. Für seine Anhänger ist er ein Anführer, ein entschlossener Kämpfer für christliche Werte. Für Rechtspopulisten in anderen Ländern ist er Aushängeschild und Vorbild. Sein Konzept, den ungarischen Staat in eine, wie er es nennt, „liberale Demokratie“ umzuwandeln, ist eine Skizze, der Herbert Kickel, der slowakische Premierminister Robert Fico und sogar US-Präsident Donald Trump gerne folgen. Orbán ist der Architekt einer neuen Regierungsform, einer neuen Art von Macht, um die selbst Machiavelli beneiden würde. Orbán kann erst 2026 stürzen, aber warum und ist das wirklich realistisch?
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So polarisierend Orbán außerhalb von Budapest auch wirkt, so schwächelt das Image des 62-Jährigen in Ungarn. Ein starker Mann verliert sein Charisma. Der Politikwissenschaftler Péter Tölgyessy betonte kürzlich in einem Interview mit dem YouTube-Kanal „Partizán“, wie brisant die Lage sei. Vor allem viele junge Wähler setzten Orbáns seit 2010 bestehendes „liberales“ System mit dem 1989/90 gestürzten kommunistischen Regime gleich. Ähnlich äußerte sich der italienisch-ungarische Politikwissenschaftler Stefano Bottoni: Die Regierungspartei Fidesz werde von jungen Menschen als regressiv, arrogant und in vielen Fällen „beschämend“ angesehen. Orban, der Oldtimer.
Orbán steckt voller Skandal
Die Zeit vergeht nicht spurlos, auch nicht an Orban. Hinzu kommt ein Skandal, den der Fidesz-Gründer aufklären muss. In staatlichen Kinderheimen soll es immer wieder zu Missbrauchsvorfällen gekommen sein. Ausgerechnet in Ungarn, einem Land, das in Sachen Kinderschutz einen erbitterten und faktenfreien Kulturkrieg gegen LGBTQI-Personen führt, soll der Staat Angriffe auf Kinder vertuscht haben. Die Enthüllungen führten Anfang 2024 zum Rücktritt von Präsidentin Katalin Novak und Justizministerin Judith Varga. Das war Orbáns Kritikern nicht genug. Mitte Dezember 2025 demonstrierten 50.000 Menschen in Budapest und forderten den Rücktritt von Orbán, der seit 2010 ununterbrochen regiert hatte. Orban, Vertuschung.
Doch nicht nur die Zivilbevölkerung widersetzt sich Orbán. Aus diesem Skandal entstand eine neue politische Kraft. Peter Magyar, einst Teil des Fidesz-Systems und Ex-Ehemann des ehemaligen Justizministers Varga, brach öffentlich mit Orbán, gründete die TISZA-Partei und wurde schnell zum größten Herausforderer des Premierministers. Seine Bewegung entfremdete viele Wähler von den übrigen linksliberalen Oppositionsparteien. Magyar liegt derzeit in den meisten Umfragen vorne. Orbán, man zählt.
Doch die Ergebnisse der Umfrage sind nicht die Ergebnisse der Wahl – das weiß auch Orbán, der mitten in einer möglichen Niederlage vor den Parlamentswahlen im April erneut große Teller aufschlägt. Politikwissenschaftler Tolgesi sagt: Der Regierungschef hat einen mächtigen Trumpf. Wahlgeschenke in Milliardenhöhe. Steuerbefreiungen für Mütter, eine 14. Monatsrente für Rentner und ein höherer Mindestlohn sollen Wähler mobilisieren. Allerdings setzt das hohe Defizit Orbán im Vorfeld der Wahl auch unter Druck. Kürzlich hat die Ratingagentur Moody’s die Kreditwürdigkeit Ungarns herabgestuft. Orban, Sozialpolitiker.
Orbán als Friedensstifter?
Gleichzeitig ordnet Orbán den Wahlkampf ganz der Frage von Krieg und Frieden unter. Er stellte sich selbst als Friedensstifter dar, der sowohl zu US-Präsident Donald Trump als auch zu Kremlchef Wladimir Putin ausgezeichnete Beziehungen unterhält, warnte vor Brüssels „schlechter Kriegspolitik“ gegenüber Russland und bezeichnete Magyar als „Marionette“ der Europäischen Union, die Ungarn im Falle eines Wahlsiegs in den Krieg ziehen würde. Orbán, der starke Außenpolitiker.
Sollte das immer noch scheitern, bleibt dem Architekten Orbán zumindest sein Staatsbau übrig. Die treuesten Orbán-Anhänger befanden sich im Laufe der Jahre bei den Behörden, in Justizämtern und in zentralen Medienorganisationen. Der polnische Premierminister Donald Tusk erlebt derzeit, wie schwierig es ist, gegen eine solche Macht zu regieren, wenn er versprochene Reformen aufgrund der Blockade verschieben muss.
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Magyar wirft immer noch alles in den Ring. Er kündigt einen Systemwechsel an und will den „liberalen“ und „korrupten“ Sturm der Orbán-Ära überwinden. Es stellt sich daher eine entscheidende Frage: Orbán ist mehr als der ungarische Regierungschef, aber ist das politische Ungarn jetzt mehr als Orbán?
