St. Paulis U19-Trainer Christian Dobrik Foto: picture Alliance/dpa/FC St. Pauli
St. Pauli-Trainer äußert sich: „Schwule gelten im Profifußball als Fremde“
Es ist immer noch – oder gerade – ein Schritt im Jahr 2026, der unglaublich viel Mut erfordert und nicht hoch genug gewürdigt werden kann: sagte Christian Dobrik, U19-Trainer des FC St. Pauli, im Interview mit RTL und in „Stern“ bekannte sich zu seiner Homosexualität. Dobrik ist der erste Mannschaftstrainer eines Bundesligisten, der sich öffentlich dahinter stellt.
Der 29-jährige Trainer findet überraschend klare Worte zur aktuellen Situation. „Im Profifußball gelten Schwule immer noch als Fremdkörper“, sagte St. Pauli-Trainer Dobrik und betonte, er sei „sicherlich kein Einzelfall“. Allerdings: „Ich vermute, dass es im Profibereich deutlich weniger Schwule gibt als in der Durchschnittsbevölkerung. Denn der Druck in der Branche ist so groß, ein heteronormatives Leben zu führen. Es gibt weniger schwule Fußballer, die es an die Spitze schaffen, weil sie ihre Energie für Themen verschwenden müssen, die nichts mit dem Sport zu tun haben.“
Christian Dobrik ist U19-Trainer beim FC St. Pauli
Dobrik, der seit Sommer 2025 in der Jugend von St. Pauli spielt und zuvor für RB Salzburg, die TSG Hoffenheim und Holstein Kiel tätig war, sagt, Homophobie sei „seit Jahrzehnten in den Fußball-Vokabular eingedrungen“: „Wenn ein Spieler sich beschwert, dass er zu unhöflich ist, wird er schnell als Pedal beschimpft. Aus diesen Beleidigungen kommt man nur schwer heraus und mit ihnen das verzerrte Bild von Schwulen, das sich dahinter verbirgt.“
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Dobrik: „Verstecken zu spielen kostet mich zu viel Energie“
„Ich war mir lange nicht sicher, ob ich meine Karriere ruinieren würde, wenn ich zugebe, dass ich schwul bin“, sagte Dobrik, der irgendwann gerne beruflich arbeiten würde. Obwohl er sich immer noch nicht sicher war, welche beruflichen Auswirkungen ein Coming-out mit sich bringen würde, wollte er seine sexuelle Orientierung nicht länger im Arbeitsumfeld verbergen. „Dieses Versteckspiel kostet mich zu viel Energie“, sagte er. Er musste oft „Wortakrobatik“ und einen „rhetorischen Eiertanz“ vorführen, um sein schwules Leben zu verschleiern. All dies würde Energie verbrauchen, „die tatsächlich in Arbeit und Sport investiert werden könnte“.
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Homosexualität gilt im Männer-Profifußball immer noch als großes Tabuthema, obwohl sich vor allem Fanvertreter für einen offeneren Umgang einsetzen. Bisher gab es keinen einzigen Abgang eines aktiven Profis in den ersten drei deutschen Ligen. Ganz anders sieht es im Frauenfußball aus, wo die sexuelle Orientierung der Spielerin schon lange keine Rolle mehr spielt.
Jürgen Klopp überzeugte den St. Pauli-Trainer, zu gehen
Auch ein Treffen mit Jürgen Klopp brachte ihn raus. „Als Trainer kann man alles sein, was man will, aber man muss für etwas stehen. Man muss man selbst sein“, sagte der ehemalige Trainer der Bundesliga und des FC Liverpool bei einem Treffen mit den Salzburger Jugendtrainern. Dieser Satz sei zum Motto seines Berufslebens geworden, sagte Dobrik. In der Männer-Bundesliga gibt es auf offizieller Ebene Menschen, die offen homosexuell sind. Bekannte Beispiele sind Alexander Wehrle, der Vorstandsvorsitzende des VfB Stuttgart, oder sein Vorgänger Thomas Hitzlsperger. Der ehemalige Nationalspieler war der erste bekannte ehemalige deutsche Profi, der sich im Januar 2014 als schwul geoutet hatte.
Christian Dobrik fordert weitere Abgänge
Im Interview mit RTL und dem „Stern“ fordert St. Pauli-Trainer Dobrik mehr Abgänge im Fußball. „Spring ins kalte Wasser und schwimme!“ Er berät Spieler und Trainer, die ihre Homosexualität bisher geheim gehalten haben. Die Möglichkeit, den vermeintlich „richtigen Zeitpunkt“ für ein Coming-out zu finden, sei seiner Meinung nach eine Illusion: „Man sucht nicht nach dem richtigen Zeitpunkt, sondern nach einer Ausrede.“
