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„Es war die Hölle“: Die vorherigen Abstiege von St. Pauli waren so emotional

    „Es war die Hölle“: Die vorherigen Abstiege von St. Pauli waren so emotional

    Heißer Abstiegskampf: Homburger Torwart Klaus Scherer klärt eine Flanke gegen St. Paulis Jens Duve. Im Hintergrund drängen sich Scharen von Fans. Foto: WITTERS

    „Es war die Hölle“: Die vorherigen Abstiege von St. Pauli waren so emotional

    Einmal kochten die Emotionen gegen das alte Millerntor hoch, einmal gab es sogar eine Rote Karte – beide Male flossen am Ende bittere Tränen. Sollte der FC St. Pauli nach dieser Saison aus der Bundesliga absteigen, haben die Kiezkickers die Möglichkeit, dieser Geschichte ein neues Kapitel hinzuzufügen. Obwohl die Maroons and Whites seit der Wiedereinführung des Abstiegs im Jahr 2009 noch nie an den umstrittenen Auf- und Abstiegsspielen teilnehmen mussten, können sie bereits auf eine sehr reiche Abstiegsgeschichte zurückblicken, die bis in die späten 1980er und frühen 1990er Jahre zurückreicht. Dann spielte St. Pauli zweimal in der Relegation, verlor zweimal – und kämpft bis heute mit einem Spiel im Revier.

    Drei Spieltage vor Ende der Saison 2025/26 deutet vieles darauf hin, dass der FC St. Pauli auf dem Weg zum Abstieg ist. Die Kiezkickers haben aktuell fünf Punkte Rückstand auf den sicheren Abstieg in der Bundesliga und stehen seit knapp zwei Monaten auf dem 16. Tabellenplatz – d. h. auf dem gleichen Abstiegsplatz. Es wird immer wahrscheinlicher, dass der Verein die laufende Saison auf dieser Position abschließen und in Auf- und Abstiegsspiele gegen den Tabellendritten der Liga 2 antreten wird.

    St. Pauli erlebte zwei emotionale Abstiege aus der Bundesliga

    Mit dem Abstieg ist Hamburg bestens vertraut. Dies gilt natürlich insbesondere für den Stadtrivalen aus dem Volkspark, der zwischen 2014 und 2023 viermal spielte und immer noch Rekordhalter ist. Aber auch der FC St. Pauli hinterließ in den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren Spuren. Auch der Nachbarschaftsverein stieg zweimal ab – 1987 und 1991 – und verlor zweimal. Beide Male geht es heiß her.


    Jahr Gegner Hinspiel Rückspiel Lösung Ergebnis
    1987 FC 08 Homburg 1:3 2:1 3:4
    1991 Stuttgarter Kickers 1:1 1:1 1:3 3:5

    Kurz vor der Wiedervereinigung herrscht in Deutschland Aufbruchstimmung. Der Stadtteil St. Pauli wurde zum Zentrum der Künstler- und Studentenbewegung und der Verein schaffte es, die Massen durch sportliche Erfolge zu begeistern. Als Regionalliga-Neuling legten die Braun-Weißen eine sensationelle Saison 1986/87 hin und belegten in der 2. Bundesliga überraschend den dritten Platz hinter Hannover 96 und dem Karlsruher SC. Das Einzige, was sie davon abhält, direkt in die Bundesliga aufzusteigen, in der sie 1977 nur ein Jahr spielten, ist nun der Abstieg.

    St. Pauli verpasste es knapp, Homburg einzuholen

    Dort traf St. Pauli auf den FC 08 Homburg, der erst ein Jahr zuvor in die Bundesliga aufgestiegen war und sich durch ein 2:2-Unentschieden im letzten Spiel gegen die bereits als Tabellenletzter abgestiegenen Blau-Weiß Berlin den Abstieg rettete. Entgegen der damals eigentlich gültigen Regelung wird das erste Spiel in Homburg stattfinden, da St. Pauli als Zweitligist bereits weitere zweieinhalb Wochen frei hat. Doch den Kiezkickers nützte es nichts: Trotz der frühen 1:0-Führung von Fred Klaus verloren sie im Saarland mit 1:3.

    1987 beendete Homburg mit dem Abstieg den Bundesliga-Traum des FC St. Pauli.

    Das Rückspiel drei Tage später lockt regelrechten Andrang ins alte Millerntor-Stadion. 18.500 Zuschauer sorgten für eine für damalige Verhältnisse außergewöhnliche Atmosphäre. Dies gilt auch für den Weg von der Kabine zum Spielfeld. „Wir mussten mitten durch eine Bar marschieren. Ich hatte die ganze Zeit dieses komische Gefühl: Ich hoffe, ich bekomme keine Flasche auf den Kopf. Es war die Hölle“, erzählte Roman Wojcicki aus Homburg viele Jahre später MOPO. Der ehemalige St. Pauli-Trainer Willie Ryman drückte es so aus: „Die Atmosphäre war unglaublich!“

    Und die Fans werden mit einem spannenden Spiel belohnt. Jürgen Gronau brachte St. Pauli 20 Minuten vor Schluss in Führung, Wojcickis später Ausgleich (86.) konnte Stefan Studer umgehend kontern (88.). Aber am Ende fehlt ein Tor. Ein 2:1-Sieg reichte dem FC St. Pauli nach der 1:3-Hinspielniederlage nicht, er verlor insgesamt und blieb ein weiteres Jahr in der 2. Liga. Was damals noch niemand wusste: 1988, im darauffolgenden Jahr, gelang als Tabellenzweiter der Aufstieg – direkt, ohne Abstieg.


    Erstes Relegationsspiel 1987: Homburg – St. Pauli 3:1

    • Datum: Sonntag, 21. Juni 1987
    • Ort: Waldstadion, Homburg
    • Aufstellung des FC St. Pauli: Tomforde – Demuth – Trulsen, Duve – Gronau, Gerber, Bargfrede (83. Zander), Dams, Studer (73. Beermann) – Golke, Klaus; Trainer: Ryman
    • Aufstellung des FC 08 Homburg: K. Scherer – Wojcicki – Brendel, Hentrich – Knoll, Stickrot, Jumbo, Bunkol, Ehrmantraut (88. Generation) – Schaefer (67. Müller), Freiler; Trainer: Schwickert
    • Tore: 0:1 Klaus (3.), 1:1 Brendel (8.), 2:1 Schäfer (21.), 3:1 Brendel (37.)
    • Zuschauer: 10.000
    • Schiedsrichter: Manfred Neuner (Lymen)

    Rückspiel aus der Relegation 1987: St. Pauli – Homburg 2:1

    • Datum: Mittwoch, 24. Juni 1987
    • Ort: Millerntor-Stadion (damals Wilhelm-Koch-Stadion), Hamburg
    • Aufstellung des FC St. Pauli: Tomforde – Demuth (70. Zander) – Trulsen, Duve – Gronau, Gerber, Bargfrede (66. Beermann), Studer – Klaus, Golke, Dams; Trainer: Ryman
    • Aufstellung des FC 08 Homburg: K. Scherer – Wojcicki – Brendel, Paul, Hentrich – Knoll, Stickrot, Jumbo, Bunkol (80. Müller) – Schaefer, Freiler; Trainer: Schwickert
    • Tore: 1:0 Gronau (71), 1:1 Wojcicki (86/FE), 2:1 Studer (88)
    • Zuschauer: 18.500 (ausverkauft)
    • Schiedsrichter: Dieter Pauly (Reid)

    Vier Jahre später ist es immer noch hitzig. 1991 kämpfte St. Pauli erneut gegen den Abstieg – dieses Mal nicht als aufstiegswilliger Zweitligist, sondern als 16. der Tabelle. Die Bundesliga, die sich vor dem Abstieg retten will. Nach drei Jahren im Oberhaus des Fußballs ist eine Rückkehr in die 2. Liga gefährdet, da der Nachbarschaftsverein am letzten Spieltag eine 2:5-Niederlage gegen Borussia Dortmund hinnehmen musste und durch den parallelen Sieg des 1. FC Nürnberg nicht mehr dem Abstieg entgehen kann. Die Stuttgarter Kickers warten in den entscheidenden Spielen und verpassen aufgrund der schlechteren Tordifferenz im Vergleich zum MSV Duisburg den direkten Wiederaufstieg.

    Die Stuttgart Kickers gewinnen nur in den Playoffs

    Spielplanbedingt hat erneut der Erstligist Heimvorteil, diesmal St. Pauli. Und wieder einmal ist das alte Millerntor-Stadion mit über 20.000 Zuschauern restlos ausverkauft. Doch trotz überlegenem Pressing und dem Führungstreffer von Andre Golke konnten die Braun-Weißen das 1:1-Unentschieden nicht überwinden. Zwei Minuten vor Schluss glichen sie aus.

    In beiden regulären Spielen trennten sich St. Pauli (rechts Peter Knebel) und die Stuttgarter Kickers (hier Markus Marin) 1:1.

    Aufgrund des großen Interesses der Fans wird das Rückspiel in Stuttgart in die größere Arena des VfB, das Neckarstadion, verlegt. Je nach Medienberichten sollen zwischen 30.000 und 40.000 Zuschauer vor Ort sein, die offizielle Zahl liegt nach Angaben der DFL bei 32.000. Und St. Pauli zeigte Moral, kämpfte sich nach einem frühen 0:1-Rückstand und einer Roten Karte gegen Dirk Zander zurück. Golke, der bereits im Hinspiel getroffen hatte, glich kurz nach der Halbzeit aus. Wieder 1:1. Und da zu diesem Zeitpunkt weder eine Verlängerung noch ein Elfmeterschießen geplant waren, wurde ein drittes „Entscheidungsspiel“ an neutralem Ort angesetzt.


    Erstes Relegationsspiel 1991: St. Pauli – Stuttgart 1:1

    • Datum: Mittwoch, 19. Juni 1991
    • Ort: Millerntor-Stadion (damals Wilhelm-Koch-Stadion), Hamburg
    • Aufstellung des FC St. Pauli: Ippig – Olk – Trulsen, Dams – Damann (46. Ulbricht), Knebel, Schlindwein, Golke, Hollerbach (66. Manzi) – Zander, Ottens; Trainer: Vollers
    • Kader der Stuttgarter Kickers: Brassas – Wolff – Ritter, Novodomski – Fengler (74. Stadler), Schwartz, Mutas (59. Kayaso), Tatermush, Imhof – Vollmer, Marin; Trainer: Tzobel
    • Tore: 1:0 Gölke (31), 1:1 Marin (88)
    • Zuschauer: 20.551 (ausverkauft)
    • Schiedsrichter: Karl-Josef Assenmacher (verletzt)

    Rückspiel der Relegation 1991: Stuttgart – St. Pauli 1:1

    • Datum: Sonntag, 23. Juni 1991
    • Ort: Neckarstadion, Stuttgart
    • Aufstellung des FC St. Pauli: Ippig – Gronau (46. Manzi) – Trulsen, Schlindwein – Ulbricht (87. Damann), Olk, Knebel, Zander, Jensen – Ottens, Golke; Trainer: Vollers
    • Kader der Stuttgarter Kickers: Brassas – Wolff – Ritter, Novodomski (87. Bros) – Fengler, Tattermush, Schwartz, Kayaso, Imhof – Vollmer (73. Mutas), Marin; Trainer: Tzobel
    • Tore: 1:0 Schwartz (25), 1:1 Gölke (51)
    • Roter Karton: Zander (St. Pauli/38.)
    • Zuschauer: 32.000
    • Schiedsrichter: Werner Föckler (Bad Dürkheim)

    Die Entscheidung findet eine Woche später auf Schalke statt – ohne den gesperrten Zander. Nach Angaben des Vereins reisten rund 15.000 Fans aus Hamburg nach Gelsenkirchen, um den siegreichen Nachbarschaftsverein zu unterstützen. „Wir haben uns gesagt: Jetzt im dritten Spiel gegen Schalke werden wir sie schlagen – und dann ist es komplett gescheitert“, erinnerte sich der damalige Stürmer Klaus Ottens 30 Jahre später in einem Artikel aus dem FC St. Pauli-Museum zurück. Denn St. Pauli verlor völlig überraschend mit 1:3 – und schied aus der Bundesliga aus. „Es war wirklich brutal“, sagt Ottens heute. „Im Nachhinein muss man sagen: Wir hatten Recht, rausgeworfen zu werden.“

    Ein Bild, das St. Pauli auch heute noch schmerzt: Die Anzeigetafel im Schalker Parkstadion zeigt das Endergebnis des entscheidenden Relegationsspiels.

    Es markiert das Ende der bislang erfolgreichsten Ära der Vereinsgeschichte. Nur vier Jahre später (1995) kehrte der Nachbarschaftsverein in die Bundesliga zurück. „Für mich persönlich war es der schlimmste Moment. Ich war völlig deprimiert und wirklich erschöpft“, sagt der ehemalige Verteidiger Andre Trulsen in diesem Artikel über das entscheidende Spiel. Supervisor Roger Hasenbein fügte hinzu: „Es war so intensiv. Ich habe noch nie so viele traurige Menschen an einem Ort gesehen, die ihrer Traurigkeit Luft machten.“


    1991 Relegations-Playoff: Stuttgart – St. Pauli 3:1

    • Datum: Samstag, 29. Juni 1991
    • Ort: Parkstadion, Gelsenkirchen-Schalke
    • Aufstellung des FC St. Pauli: Ippig – Olk (56. Gronau) – Trulsen, Schlindwein, Knebel, Hollerbach, Sievers, Knoblicek – Zander, Ottens (46. Manzi), Golke; Trainer: Vollers
    • Kader der Stuttgarter Kickers: Brassas – Wolff – Ritter, Novodomski – Fengler, Tatermush (76. Stadler), Schwartz, Kayaso (80. Moutas), Imhof – Vollmer, Marin; Trainer: Tzobel
    • Tore: 1:0 Vollmer (21.), 2:0 Caiaso (35.), 2:1 Knebel (37.), 3:1 Fengler (42.)
    • Zuschauer: 18.000
    • Schiedsrichter: Hans-Peter Delving (Trier)

    Das dramatische Spiel im Juni 1991 war nicht nur das bislang letzte Abstiegsspiel des FC St. Pauli – sondern auch das letzte für eine sehr lange Zeit. Zur darauffolgenden Saison 1991/92 wurden die Spiele gestrichen und die Tabelle belegte den 16. Platz. Ab sofort steigt die Bundesliga direkt ab und der Drittplatzierte der 2. Liga steigt direkt auf. Erst 2009 führte die Deutsche Fußball Liga (DFL) wieder den Abstieg ein. Und nach 35 Jahren kann St. Pauli diesen Sommer erstmals wieder dabei sein.

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