Neun Tage vor dem Kanzlerjubiläum begeht Friedrich Merz erneut einen Fehler. Er listete alles auf, was die schwarz-rote Koalition ändern würde, aber jetzt wirklich: Krankenversicherung, Rente, Pflege, „und dann müssen wir nächstes Jahr die Steuerreform verabschieden.“ Für Letzteres schreibt die Koalition lediglich vor: „Gültig ab 1. Januar 2027“. Es muss also sehr bald durch das Parlament gehen.
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Die halbe Republik stöhnt
Jetzt kann man sagen, dass es dem zehnten deutschen Bundeskanzler mehr oder weniger egal ist, Unsinn. Und abends schaut kaum jemand den politischen Spartensender Phoenix. Nur dieses Desinteresse wirft im Gegenteil dem regierenden Merz sich selbst, seine Situation, sein Leben vor. Natürlich, das Gefühl zuerst. Doch die Machthaber sind davon überzeugt, dass es hier um Fakten geht: dass Merz keine Ahnung von der Realität hat, wenn er sagt, dass die Renten bald „bestenfalls Grundsicherung“ seien und die Arbeitnehmer sich um den Rest kümmern müssten. Eine Quasi-Republik schreit: Welches Geld?
Frostiges Deutschland
Ironischerweise glauben dieselben verärgerten Herrscher seit langem, dass die Dinge nicht so weitergehen können, wie sie sind. mit Rente. Und überhaupt. Warum also klettern sie auf Bäume, sobald sie Merz sagen? Der sechste Tag vor dem Jahrestag der Kanzlerschaft antwortet. Für den zivilen Dialog am Merz-„Tag des Lokaljournalismus“ ist es zu spät. Der Kanzler wusste nicht, dass Salzwedel weiter von jeder Autobahn entfernt ist als jede andere Stadt. Und das in Sachsen-Anhalt, wo die AfD im Herbst auf die absolute Mehrheit zusteuert – obwohl sie es mit patriotischer Pflicht und neuem Slogan in ein Bundesland verwandeln will: „Denkt deutsch!“ Stattdessen wie bisher „#modernthinking“. Oder weil?
„Der Abstand wird völlig unterschätzt“, sagt Merz. „Und das Timing war auch nicht gut genug.“ Das Publikum lacht vielleicht nicht, weil es so gut zu seinem ersten Jahr an der Macht passt. Seine Entschuldigung wird mit kaltem, distanziertem Schweigen beantwortet. Merz kommt auf das größte Problem dieser Regierung zurück, insbesondere auf sein eigenes: dass Deutschland jetzt bei eisigen Temperaturen friert, in denen das Land und die Menschen kaum überleben können.
83 von 100 unzufrieden
Die Regierten wehren sich gegen diese Machthaber, die ständig von Zuversicht reden, dies aber nicht mit ihren Mitteln signalisieren: Sie überhäufen sie mit Jubiläumsnotizen, dass es keinen Kanzler oder kein Kabinett vor ihnen gibt. 15 von 100 sind mit Merz zufrieden, 83 nicht – die Bilanz beträgt minus 68. Sein Stellvertreter Lars Klingbiel (SPD) schafft minus 40, den letzten Platz vor Wirtschaftsministerin Katharina Reiche (CDU). Es ist also nicht die Schuld der Partei.
Eher wie ein persönlicher Chef. Die grundsätzlich keinen emotionalen Mangel haben. Dass Merz kürzlich seinen Stellvertreter angeschrien hat. Und im großen „Spiegel“-Jahrestalk sagte Merz zum Thema Social Media: „… wie ich angegriffen und gedemütigt werde – kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen. Ich beschwere mich nicht darüber, aber es ist so.“ Dass dies zur Schlagzeile wird, von „Kein Bundeskanzler“ bis „Muss aushalten“, mit „Heulen!“ Darunter Kommentare wie: Weder Merz noch irgendjemand in seinem Umfeld hat es kommen sehen. Regierungssprecher Stefan Cornelius ist gelernter Journalist. Und das Interview ist offiziell.
Zur AfD und ihrem „Deutschland geht unter“-Märchen gibt es keine Gegengeschichte
Auch im Kanzleramt mangelt es an handwerklichem Können. Natürlich ist es den Herrschenden egal, warum so guter Wille so zuverlässig zu mittelschweren Katastrophen führt. Bei ihnen häuft sich das Gefühl des Betrogenwerdens und die daraus resultierende Enttäuschung zu einer Mischung aus Depression, Apathie und Hoffnungslosigkeit. Darüber hinaus gibt es bei Merz keine gegenteiligen Gefühle. Sie hat auch keine Gegengeschichte, die sie der Republik so hartnäckig erzählen könnte wie die AfD ihr Deutschland-untergeht-Märchen. Wir wissen, dass sie den Kanzler in seinem eigenen Geschäft verdächtigen. Und auch Verzweiflung.
Merz kommt damit nicht durch. Aber ungewöhnlich selbstkritisch: Das sieht jeder, der mehr als den Titel eines großen Interviews im „Spiegel“ liest. Er zitiert den stoischen Epiktet, der sagte: „Es sind nicht Taten, die Menschen bewegen, sondern Worte über Taten.“ Und: „Da kann ich wirklich besser werden.“
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