Keir Starmer hat versprochen, seine Landsleute bei den Parlamentswahlen 2024 „umzuerziehen“. Die Desillusionierung gegenüber den Konservativen und die gleichzeitige Zersplitterung der politischen Rechten durch Nigel Farage gaben dem Labour-Chef einen klaren Regierungsauftrag.
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Weniger als zwei Jahre später gibt es kaum Unterstützung für Labour und Starr. Die Mitte-Links-Partei hat sich in den Umfragen fast halbiert auf 19 Prozent. Damit liegt er acht Prozentpunkte hinter Farages Rechtspopulisten. Der Premierminister selbst ist unbeliebter als jeder Regierungschef vor ihm. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen in weiten Teilen Englands an diesem Donnerstag befürchtet die Labour-Partei nun den Verlust von fast drei Vierteln ihrer bisherigen Sitze. Und auch in Wales, wo am selben Tag ein neues walisisches Parlament gewählt wird, droht der Partei eine Niederlage von geradezu historischem Ausmaß. Dort dürfte die Partei erstmals ihre Dominanz verlieren – und möglicherweise hinter der walisischen Nationalpartei Plaid Cymru und Farages Reform UK Dritter werden.
Eine Linie von Würdenträgern
Glaubt man den Umfragen, werden in London und anderen Großstädten die derzeitigen Labour-Wähler ihre Stimmen mit den Grünen abgeben, die sich zuletzt erfolgreich als progressive, radikalere Alternative präsentiert haben. Auf jeden Fall werden die Konservativen, denen die Nation 14 Jahre Sparmaßnahmen und Unruhen noch nicht verziehen hat, nicht von der Unzufriedenheit mit der Labour-Partei profitieren.
Offenbar traut die Wählerschaft keiner der beiden „Establishment“-Parteien, die traditionell die Regierung dominieren, mehr zu, etwas gegen den aktuellen Rekordanstieg der Lebenshaltungskosten und die zunehmende Armut zu unternehmen.
Damit stand die britische Politik vor einem Wandel, den sich die Insel kaum hätte vorstellen können. „Das Zweiparteiensystem steht mehr denn je unter Druck“, erklärt der führende Politikwissenschaftler Vernon Bogdanor. Für viele Bogdanors Kollegen ist die Tradition bereits „mausgestorben“.
Farage ist weit vorne
Tatsächlich liegt Nigel Farages rechte Partei Reform UK bei der Wählergunst bereits vor allen anderen Parteien. Die Grünen auf der linken Seite und die Liberaldemokraten, eine gemäßigte Partei der Mitte, haben sich ebenfalls als ernsthafte Rivalen von Labour bzw. den Tories herausgestellt. Auch Wales hat Plaid Cymru und der Scottish National Party, der SNP, die besten Chancen auf eine Wiederwahl bei den Parlamentswahlen, die ebenfalls am Donnerstag stattfinden. Großbritannien betrete offenbar „die Ära der Sieben-Parteien-Politik“, urteilt nun die „Financial Times“ – sogar überrascht.
Der Politikwissenschaftler Simon Hicks sagt, dass die 17 Parteien im niederländischen Parlament bis heute die Menschen zum Lachen gebracht haben. Wir erleben derzeit die „Dutchisierung der britischen Politik“. Das Ungewöhnlichste an den Briten ist, dass es dem landestypischen Mehrheitswahlsystem ohne Verhältniswahl immer gelungen ist, die „kleineren“ Parteien im Land klein zu halten. Dementsprechend steht immer der Wettbewerb der „Großen“ im Mittelpunkt. Bei den Parlamentswahlen 1951 erhielten Labour und die Tories zusammen 97 Prozent aller Stimmen, 2017 waren es immer noch über 80 Prozent. Derzeit können die alten Gegner nicht mit mehr als einem Drittel aller Stimmen rechnen.
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Wenn sich nun in Wales Nationalisten durchsetzen, bedeutet das auch, dass sich sowohl in Cardiff als auch in Edinburgh erstmals Befürworter eines separatistischen Englands äußern werden. Verteidiger des Status quo müssen sich auch echten Bedrohungen für die innere Einheit des Vereinigten Königreichs stellen. So viel Veränderung hatte Keir Starmer wohl nicht im Sinn, als er im Juli 2024 „Transformation“ in seinem Land versprach.
