Wenn man heutzutage mit ÖVP-Funktionären spricht, wird die Erwähnung des Falles Walter Ruck oft mit Augenrollen oder theatralischem Keuchen beantwortet. Wieder einmal muss man die Fehler Einzelner rechtfertigen. Für den Eindruck, dass die Machthaber es wieder in Ordnung bringen. „Da haben wir mittlerweile eine gewisse Praxis“, sagte ein ÖVP-Abgeordneter kürzlich in einem Gespräch. Es ist überhaupt nicht falsch.
Hinterlassen Sie eine Anzeige
Diesmal muss man sich vor Ruck, dem Präsidenten der Wirtschaftskammer Wien, rechtfertigen. Laut Gesprächsprotokoll soll er sich bei Männertreffen im Weinkeller abfällig über Frauen geäußert und Ämter arrangiert haben. Die ÖVP versucht nun, sich zu profilieren – und offenbart dabei ihre eigene Ohnmacht. Dass Bundeskanzler und Parteichef Christian Stocker Ruck öffentlich erklärt hat, dass ein solches Verhalten „nicht folgenlos bleiben kann“, zeigt, dass es Stocker offenbar nicht gelungen ist, die ÖVP in privaten Gesprächen zu einem freiwilligen Rückzug zu bewegen, um weiteren Schaden abzuwenden. Der Vorstand der Bundespartei wird am Freitag zusammentreten und über den Ausschluss der Partei beraten. Das reicht möglicherweise nicht aus, um Ruck zu entlassen, der (Donnerstag, 22:30 Uhr) nicht zurücktreten will.
Wöginger, Budget, Kurz
Schwieriger fiel es der Partei im Fall August Wöginger, Grenzen zu ziehen. Der ehemalige Vereinsvorsitzende wurde (nicht rechtskräftig) für schuldig befunden, da ihm Anstiftung zum Amtsmissbrauch im Zusammenhang mit einer Anstellung beim Finanzamt Brunau vorgeworfen wurde. Einerseits sehen viele in der Partei das damalige Vorgehen Woggingers immer noch als bloße Verleumdung eines Bürgeranliegens. Und andererseits galt Wöginger als wichtiger Vermittler der ÖVP bei den Koalitionspartnern und der Opposition. Am Ende musste sich die Volkspartei noch rechtfertigen.
Dasselbe galt auch für die Aufstellung des jüngsten Doppelhaushalts. Der Finanzminister Markus Marterbauer (SPÖ) teilte der Kanzlerpartei mit, dass der desaströse Staatshaushalt zu einem großen Teil der ÖVP zu verdanken sei, die seit jeher die Regierung innehat. Vor der wichtigsten Wählergruppe, den Senioren, musste die ÖVP den Sparfonds für Renten rechtfertigen. Und vor den Medien muss die Partei ihre immer weiter sinkenden Umfragewerte oder wiederkehrende Gerüchte über die Rückkehr des ehemaligen Hoffnungsträgers Sebastian Kurz erklären.
Erklären Sie, statt zuzugeben
Mitverantwortlich dafür ist, dass die ÖVP ständig im „Vernünftigkeitsmodus“ zu verharren scheint. Anstatt die Fehler der Vergangenheit einzugestehen und die Verantwortung dafür zu übernehmen, konzentrierte sich die Volkspartei lieber auf möglichst kreative Erklärungen. Es mangelte an einer klaren Abgrenzung zum Fehlverhalten früherer Würdenträger, an einer zunehmenden Unabhängigkeit von Interessengruppen und am Wunsch nach echten Reformen. Es ist noch nicht zu spät, das zu ändern – und sei es nur, um Ihren eigenen Führungskräften das ständige Augenrollen zu ersparen.
Hinterlassen Sie eine Anzeige
