Holger Stanislavski und Markus Lotter feiern St. Paulis Aufstieg im Jahr 2001. Foto: WITTERS
Viele Probleme, historische Siege: Die turbulente Bundesliga-Geschichte des FC St. Pauli
Zum sechsten Mal in der Vereinsgeschichte spielt der FC St. Pauli in der Bundesliga. Die Premier-League-Geschichte des Nachbarschaftsklubs ist zwar nicht ganz so lang, aber umso ereignisreicher. Sturm, Lizenzprobleme und historische Derbysiege: Das war’s. MOPO blickt auf die kurze, aber turbulente Geschichte der Maroon-Whites der ersten Liga.
1977: Der erste Aufstieg auf St. Pauli ist vielleicht die größte Sensation. In den 1970er Jahren war der Nachbarschaftsclub weit von seinem heutigen Kultstatus entfernt, aber hoch verschuldet und voller interner Unruhen. Dass man im Mai 1977 – trotz eines völlig missglückten Saisonstarts – nach 27 Spielen ohne Niederlage plötzlich auf dem ersten Platz der 2. Bundesliga stand, war eine große Überraschung. Nils Thun-Hansen schickte St. Pauli mit einem 1:0-Siegtor in Herford in die Bundesliga. Diethelm Ferner schreibt als erster Aufstiegstrainer im Bezirk Geschichte, Franz Gerber wird mit 27 Toren bester Torschütze der Liga. Und mit 19 Gelben Karten sorgte Walter Frösch dafür, dass der DFB kurz darauf eine Vierer- oder Fünfer-Sperre in der Liga einführte.
Im zweiten Fall erhielt St. Pauli schließlich eine Bundesliga-Lizenz – allerdings war die Mannschaft damals im Oberhaus des deutschen Fußballs nicht wirklich konkurrenzfähig. Als Tabellenletzter stieg der Nachbarschaftsverein bereits nach einem Jahr ab und verlor dort im darauffolgenden Jahr sogar die Lizenz, so dass er bald in der Amateurliga spielen muss. Einziger Lichtblick in dieser Saison: ein 2:0-Sieg im ersten Bundesliga-Derby gegen den großen HSV. Seine Bundesliga-Heimspiele 1977/78 trug St. Pauli übrigens nicht am Millerntor aus, sondern im – oft sehr spärlich gefüllten – Volksparkstadion des HSV. Fans kommen dort lieber zu ihrem Stadtrivalen, der kürzlich den Europapokal der Landesmeister gewann. In Hamburg ist es eine ganz andere Fußballwelt.
Um 1990 ist der FC St. Pauli endgültig zum Kultverein geworden
1988: Nach Jahren des Pendelns zwischen der 2. und 3. Liga war es Helmut Schulte, der den FC St. Pauli wieder zum Bundesligaverein machte. Schulte wurde von Kulttrainer Willy Reimann zum Cheftrainer befördert und stieg 1988 mit den Kiezkickers wieder in die Bundesliga auf. Dort blieb St. Pauli übrigens die längste von drei Jahren – und wurde schließlich zur Marke. Viele Linke und Autonome strömen in einer Zeit des Umbruchs in Deutschland ans Millerntor; Im Rahmen des Festivals „VIVA St. Pauli“ geben zahlreiche Bands Konzerte im Millerntor und skandieren „Nazis raus“-Parolen. Rückblickend bezeichnet Reimann diese Zeit als „die Geburtsstunde des FC St. Pauli als Kultverein und Publikumsliebling“.
Dirk Zander katapultiert den FC St. Pauli mit einem 1:0-Sieg gegen den SSV Ulm – vor 800 Kiezklub-Fans – zurück in die Bundesliga. Nach damaligen Medienberichten sollten am Folgetag am Hamburger Flughafen bis zu 4.000 Menschen auf die Promotion-Truppe warten – gigantisch für die damalige Zeit. „Die Feierlichkeiten dauerten mehrere Tage“, heißt es in den Erinnerungen des FC St. Pauli. Der Kern der Mannschaft bestand damals hauptsächlich aus Hamburgern wie Zander, Andre Golke und Andre Trulsen.
St. Pauli blieb drei Jahre im Oberhaus, belegte in der Premierensaison den zehnten Platz und wurde im darauffolgenden Jahr 13., knapp hinter dem punktgleichen HSV. Es sind die großen und glorreichen Jahre des Nachbarschaftsvereins, in denen er am 2. März 1991 sogar seinen historischen ersten Sieg gegen den deutschen Meister FC Bayern München feierte (1:0; Torschütze Ralf „Colt“ Sievers). Erst 1991 endete das Bundesliga-Abenteuer auf dramatische Weise: Im letzten Spiel rutschte der FC St. Pauli durch eine 2:5-Niederlage gegen Borussia Dortmund auf den 16. Abstiegsplatz ab und unterlag in einem dramatischen Entscheidungsspiel in Gelsenkirchen den Stuttgarter Kickers nach zwei 1:1-Unentschieden nur mit 1:3. Nach Angaben des Vereins werden rund 15.000 Fans aus Hamburg vor Ort sein.
Der Fansturm hätte den Aufstieg beinahe verhindert
1995: Noch nie musste St. Pauli so lange auf den Wiederaufstieg in die Bundesliga warten wie nach dem Abstieg 1991. Nur vier Jahre später geht es wieder aufwärts – obwohl Trainer Uli Maslo bei den Fans alles andere als beliebt ist. Der konservative Star-Trainer (früher unter anderem bei Schalke und Dortmund) passt nicht so recht in die braun-weiße Mannschaft und ist nach seinem berühmten ZDF-„Sportstudio“-Interview („Ich bin stolz, Deutscher zu sein“) endgültig ausgeschieden. Sportlich war Maslo hingegen überaus erfolgreich: In der Saison 1994/95 verlor der Nachbarschaftsverein kein einziges Heimspiel am Millerntor und erreichte erstmals das Viertelfinale des DFB-Pokals.
Kurios: Von allen fünf Aufstiegen ist dies der einzige, den der Kiezklub im heimischen Millerntor-Stadion feierte – mit einem 5:0-Sieg gegen den bereits abgestiegenen FC 08 Homburg. Dieses Spiel am 18. Juni 1995 war besonders dramatisch, da die Außentore des Stadions lange vor dem Schlusspfiff geöffnet wurden und die Fans im Inneren sehnsüchtig auf den Schlusspfiff warteten, einen Elfmeter in der 88. Minute jedoch als solchen missdeuteten und vorzeitig das Spielfeld stürmten. Stadionsprecher Rainer Wulff sagte damals die legendären Worte: „Das Spiel ist noch nicht vorbei. Der FC St. Pauli ist nicht aufgestiegen.“ Da das Spiel dennoch ordentlich beendet werden konnte, feierten laut Vereinsangaben später bis zu 50.000 Fans mit einer riesengroßen Aufstiegsparty auf dem Spielbudenplatz – die 2. Liga galt damals als äußerst unbeliebt.
Nach dem ersten Spiel der Saison 1995/96 lag St. Pauli mit einem 4:2-Erfolg gegen München im Jahr 1860 zum ersten und einzigen Mal an der Spitze der Bundesliga-Tabelle. Aufgrund von Auseinandersetzungen zwischen Trainer Maslo und Manager Jürgen Walling sowie mangelnder Verstärkung auf dem Transfermarkt geriet die Saison jedoch zum Desaster und man blieb als 15. der Tabelle in der Liga. fast fertig. Im darauffolgenden Jahr landete St. Pauli schließlich auf dem letzten Tabellenplatz. Nach der 0:6-Niederlage gegen den VfL Bochum sangen die Fans ironisch: „Eine neue Liga ist wie ein neues Leben.“ Patriarchalischer Präsident Heinz Weisener nutzte sein Privatvermögen, um den Nachbarschaftsverein vor dem völligen Zusammenbruch des Amateurfußballs zu bewahren.
St. Pauli ist fast abgestiegen – und dann in die Bundesliga aufgestiegen
2001: Am überraschendsten ist der vierte Aufstieg des FC St. Pauli in die Bundesliga im Jahr 2001. Ein Jahr zuvor rettete Markus Marin den Nachbarschaftsverein in letzter Minute vor dem Abstieg in die dritte Liga, und in der darauffolgenden Saison belegte Braun-Weiß – eigentlich als Nummer-eins-Absteiger geltend – überraschend den dritten Platz. Erfolgsgaranten: das turbulente Trio Marcel Rath (15 Saisontore), Thomas Megle (13) und Ivan Klasnich (10), das maßgeblich zur Torfabrik von St. Pauli von 70 Toren – Ligarekord – beigetragen hat. Im letzten Spiel verwandelten die Kiezkickers einen 0:1-Rückstand gegen den bereits feststehenden Zweitligameister 1. FC Nürnberg in einen 2:1-Sieg und schafften die Rückkehr in die Bundesliga. Rekordtorschützin aller Zeiten: Denise Barris. Zehntausende Anhänger feierten später auf dem Heiligengeistfeld.
Doch auf St. Pauli machte sich schnell Ernüchterung breit. Nach nur einer Saison steigt man sofort ab und steigt sogar in die drittklassige Regionalliga auf. Der krönende Abschluss einer völlig erfolglosen Saison, in der es der FC St. Pauli sportlich nie geschafft hat: Am 6. Februar 2002 befeuerten Thomas Meggle und Nico Patschinski den Kiezverein zu einem sensationellen 2:1-Sieg am Millerntor gegen den FC Bayern München, ein Erfolg, der mit „Weltmeister-Besieger“-T-Shirts gefeiert wurde. Das bleibt der einzige Jubel in dieser kurzen und enttäuschenden Episode in der Bundesliga, die mit zwölf Punkten Rückstand als Tabellenletzter endet. Uli Hoeneß rettete schließlich St. Pauli vor der Pleite, ein Benefizspiel gegen den FC Bayern und 140.000 Rettungstrikots.
St. Pauli feiert in der Bundesliga besonders Gerald Asamoah
2010: Der jüngste Aufstieg von St. Pauli in die Bundesliga ist vor allem Holger Stanislavski zu verdanken, der den Verein von der Regionalliga in die Bundesliga führte. Im kürzlich umgebauten Millerntorstadion und mit Neuzugängen wie Max Kruse, Matthias Lehmann, Denis Nucky, Charles Taki und Markus Torand haben die Braun-Weißen eine überragende Saison gespielt und zwei Spieltage vor Saisonende mit einem 4:1-Sieg gegen die SpVgg Grouther Fürth den Wiederaufstieg in die erste Liga perfekt gemacht. Die Spielbudenplatzparty ist seit vielen Jahren die letzte große Werbefeier des FC St. Pauli.
Erneut wird sich der Nachbarschaftsklub nur ein Jahr in der Bundesliga halten. Der Hauptgrund dafür ist ein völlig verpatzter Saisonabschluss, in dem sie trotz Verstärkung durch Finn Bartels, Gerald Asamoah und Carlos Zambrano in zwölf Spielen nur einen Punkt holten. Das große Highlight dieser Saison: der 16. Februar 2011 und Asamoahs Tor zum ersten Derbysieg gegen den HSV seit 33 Jahren. Dennoch sicherte eine 1:8-Niederlage gegen den FC Bayern im vorletzten Spiel letztlich den direkten Abstieg als Tabellenletzter. Ihr letztes Bundesligaspiel für lange Zeit bestritt St. Pauli am 14. Mai 2011 gegen den 1. FSV Mainz 05, das die Kiezkickers mit 1:2 gegen die von Thomas Tuchel trainierten Mainzer verloren.
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2024: Nach einer sportlich herausragenden Saison stand für St. Pauli bereits im vorletzten Spiel der sechste Aufstieg in die Bundesliga fest. Es ist eine Saison historischen Ausmaßes: Zum ersten Mal treffen die Kiezkickers im Profifußball auf ihren Stadtrivalen HSV, der erneut den Einzug in die höchste Spielklasse verpasst hat. Die kommende Saison ist auch die erste, in der der FC St. Pauli eine Liga über dem Hamburger SV spielt. Abschluss mit dem 14. Platz und einer erfolgreichen Ausscheidung.
